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Samstag, 14. August 2010

Meine Erlebnisse an der Internationalen Biologie-Olympiade

von Daniel Ballmer


Anja, Daniel, Cora, Rahel
Anja, Daniel, Rahel, Cora, Phäntu, Miriam, Thierry
Daniel, Miriam, Rahel
Daniel, Naeyoung, Rahel, Joonhi, Miriam
Daniel und andere "on stage"
Daniel erhält seine Medaille
Buprestidae
Laternenträger (Zikade)
Libelle
Mimose
Papilio
Ramulus
Riesenkaulquappe
Nymphalidae
Tenodera frisst Feuerlibelle
Miriam
Spinnenläufer
Tempel in Seoul
Thierry, Miriam, Rahel
Thierry
Viper
Teams Swiss & Thailand
Teams Swiss & Singapore

Was ist die Internationale Biologie-Olympiade?
Ich nehme an, die meisten Leser wussten bis anhin nicht einmal, dass es Olympiaden nicht nur im Sport, sondern auch in natur- und sogar geisteswissenschaftlichen Fächern gibt. Leider sind sie bisher relativ unbekannt und werden, trotz ihrer Bedeutung für die Förderung junger Talente und trotz regelmässiger guter Leistungen der Schweizer Teilnehmer, selten in den Medien erwähnt.


Die Idee der Facholympiaden stammt aus der Sowjetunion. Nach deren Zusammenbruch führten die einzelnen Staaten untereinander diese Tradition weiter, wobei von Jahr zu Jahr auch immer mehr andere Staaten dazu stiessen. An der IBO 2010 waren ganze sechzig Teilnehmerländer aller bewohnten Kontinente anwesend. Teilnehmen dürfen im Fach Biologie von jedem Land vier Jungtalente unter 20 Jahren, die noch nicht an einer Universität immatrikuliert sein dürfen. Ausgewählt werden sie in den meisten Staaten durch eine nationale Biologie-Olympiade, so auch in der Schweiz. Während bei den meisten Ländern das zuständige Ministerium zumindest das internationale Team finanziell unterstützt, müssen in der Schweiz die gesamten Kosten für die nationale, wie auch die Teilnahme- und Anreisekosten für die internationale Biologie-Olympiade von einem Verein getragen werden. Die Lorbeeren allerdings gehen jeweils an ein Team namens „Switzerland“ mit Schweizer Flagge und T-Shirts. Deshalb hier noch einmal ein Aufruf an Bund und Kantone: Es handelt sich um wenig Geld. Wir haben für euch schon viele Medaillen geholt, ohne dass ihr jemals auch nur einen Finger dafür gerührt habt. Liebe bürgerliche Mehrheit, die ihr so stolz seid auf euer Land: Lasst etwas für uns springen. Und hört bitte endlich auf, die Mittel für die Bildung zu streichen, um damit die Steuererleichterungen für Superreiche zu finanzieren.

Neben der Biologie-Olympiade gibt es in der Schweiz auch Facholympiaden in Chemie, Informatik, Mathematik, Physik und Philosophie, die jeweils ein Team an ihre internationalen Olympiaden senden.

Wie funktioniert die Schweizer Auswahl?
Die Schweizer Biologie-Olympiade (SBO) ist in drei Runden aufgeteilt:

Die erste Runde besteht aus einem zweistündigen Test, den die Teilnehmer an ihren eigenen Gymnasien schreiben können. Der Test beinhaltet jeweils um die 60-70 Fragen aus allen Bereichen der Biologie, von Molekularbiologie bis Ökologie und Evolution. Der Fokus liegt allerdings stark auf den Bereichen Molekular- und Zellbiologie, die für die Wirtschaft am attraktivsten sind, sowie Physiologie. 2010 haben über neunhundert Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Das heisst aber nicht, dass alle Teilnehmer unbedingt teilnehmen wollten, weil sie sich Chancen ausrechneten. An der Neuen Kantonsschule beispielsweise legen jedes Jahr beide Jahrgänge des Schwerpunktfachs Biologie und Chemie vollumfänglich den Test ab. Die ersten ungefähr 80 Schüler, was natürlich je nach Anzahl Schüler pro gleicher erreichter Punktzahl variiert, sind berechtigt, an der zweiten Runde teilzunehmen. Dieses Jahr (oder besser gesagt letztes Jahr, denn die erste Runde findet jeweils im Herbst des Vorjahrs statt) waren es 84 Gymnasiasten aus der ganzen Schweiz. Ich erreichte Rang 7. Neben mir kamen von der Neuen Kantonsschule Aarau erfreulicherweise noch Yaël Schmuziger und Simon Wullschleger, beide aus derselben Klasse wie ich, sowie Rahel Brügger aus dem vierten Jahr.


Vor der zweiten Runde gibt es jeweils eine Vorbereitungswoche, zu der alle Teilnahmeberechtigten eingeladen sind. Allerdings ist sie nicht obligatorisch. Dieses Jahr fand sie in Müntschemier im Berner Seeland statt, in einer grossen Zivilschutzanlage. Das Essen war gut, die Stimmung grösstenteils auch, und unterrichtet wurden wir von motivierten jungen Leuten. Die meisten von ihnen sind ehemalige Teilnehmer, vom Küchenpersonal bis zur Dozentin, die die ganze Woche freiwillig und unbezahlt für uns investierten.


Die zweite Runde selbst fand Anfang Jahr an der Uni Bern statt. Es handelte sich um einen Test mit 128 Fragen, wieder aus allen Sparten, für den uns ganze vier Stunden zur Verfügung standen. Ich hatte nicht gerade meinen besten Tag. Eine Woche später war ich im Urlaub und konnte meine Mails erst bei meiner Rückkehr lesen. Es waren zwei von der SBO dabei: Im neueren stand „Du bist doch dabei! Wir haben eine Frage falsch bewertet und du hast sie richtig gelöst. Damit erreichst du Platz 19 und darfst an der dritten Runde teilnehmen.“ Das ältere war eine Absage, ich hätte nur Platz 21 erreicht. Damit war ich mit Glück doch noch im Rennen. Simon und Yaël schieden aus, aber Rahel erreichte den grossartigen zweiten Platz. Interessanterweise war auch Anja Jordan, die schliesslich wie ich im internationalen Team landete, zuerst ausgeschieden in der zweiten Runde und rutschte für jemanden, der abgesagt hatte, nach.


Die dritte Runde schliesslich war eine ganze Woche Praktikum. Der Stoff war: Alles. Von Sezieren über phylogenetisch Einordnen bis Gelelektrophorese war alles dabei. Zu meinem eigenen Erstaunen musste ich feststellen, dass ich praktisch nichts zum ersten Mal machen musste. Offenbar war ich im normalen Schulunterricht sehr gut darauf vorbereitet worden. Am Ende der Woche stand die Rangverlesung. Ich hatte 40° Fieber und sass zitternd im Vorlesungssaal des Anatomischen Instituts. Am Tag davor war ich krank geworden. Ich hätte es wissen müssen: Die Muschel, die ich seziert hatte, hatte noch viel strenger gerochen als alle anderen. Die Tests waren für mich sehr gut verlaufen, aber nach meinem anfänglichen Pech in der zweiten Runde schätzte ich mich auf den undankbaren fünften Rang. Die vier Bronzemedaillen wurden verteilt. Ich war nicht dabei. Die vier Silbermedaillen ebenfalls. Und wieder war ich nicht dabei. „Auf dem vierten Rang: Rahel Brügger.“ Chapeau, gratuliere. „Auf dem dritten Rang: Daniel Ballmer.“ Käsebleich, aber überglücklich wankte ich nach vorne und nahm meine Medaille entgegen. Ich schaffte mit Unterstützung meiner Eltern noch den anschliessenden Apéro, die Fotosession und den Weg nach Hause, dann legte ich mich ins Bett und stand vier Tage lang nicht mehr auf.


Unsere Schule, besonders natürlich unser beider Biologielehrer Benno Wullschleger, war stolz auf uns: „Meine Neue“ durfte zwei Schüler nach Südkorea schicken.


Das internationale Team (neben Rahel und mir Cora Olpe aus Bottmingen im Kanton Baselland und die vorher erwähnte Anja Jordan aus Glis im Oberwallis) hatte vier Vorbereitungstage, zwei Sonntage und ein ganzes Wochenende, an denen uns von unseren grossartigen Leitern intensiv die Wissenslücken geschlossen wurden.


So, jetzt mach ich mal einen Punkt und komme zum eigentlichen Thema:


Wie war es an der Internationalen Biologie-Olympiade?
Insgesamt flogen wir sechzehn Stunden, erst von Zürich nach Dubai und von da aus nach Seoul. In Seoul hatten wir einen Aufenthalt von zwei Nächten und etwas mehr als einem Tag, den wir nutzten, um etwas von der Stadt zu sehen. Unser Fazit: Seoul ist riesig. Später werde ich nochmals darauf zurückkommen. Von Seoul aus (ziemlich nahe an der nordkoreanischen Grenze) reisten wir am Sonntag per Zug quer durchs Land in den Südosten, nach Changwon, unserem eigentlichen Ziel. Diese neue, von Grund auf geplante Stadt wurde der Schauplatz unserer Olympiade. Dort wurden wir herzlich von unserem Guide Nae Young empfangen. Sie ist nicht älter als wir und studiert Internationale Beziehungen. Deshalb ist ihr Englisch viel besser als das der meisten dieser wenigen Koreaner, die überhaupt Englisch sprechen. Im Studentenwohnheim, wo wir die ganze Woche hindurch übernachten würden, mussten wir erst einmal Handys und Laptops abgeben und wurden dann zu unseren Zweierzimmern geführt. Mein Zimmergenosse kommt aus Singapur und heisst Tian Chen. Wir schlossen sofort Freundschaft und redeten bis tief in den Abend hinein über alles Mögliche, vor allem über das Leben in unseren doch sehr verschiedenen Herkunftsländer.


Am Montag wurden wir in einer pompösen Opening Ceremony offiziell begrüsst. Leider gab es drei ranghohe koreanische Festredner, die sich zuerst ausführlich allen VIPs im Saal, einschliesslich und besonders den anderen Festrednern, zuwandten und sie mit aller gebührender und für Europäer (aber auch für die jungen asiatischen Teilnehmer) enervierend langweiliger Höflichkeit und Ehre begrüssten. Eine Ausnahme bildete Poonpipope Kasemsap, als Thai der einzige ausländische Festredner, Mitglied des internationalen Komitees. Er hielt eine unterhaltsame und sehr sympathische Rede, die sichtlich von Herzen kam.


Dienstag schliesslich war der erste Prüfungstag: Praktika. Es gab vier davon, die wir Teilnehmer in vier Gruppen aufgeteilt in einem Turnus ablegten. Für mich war die Reihenfolge genau richtig: Es fing mit dem Thema an, das mich am wenigsten interessierte und stieg dann in meiner persönlichen Beliebtheits- und Talentskala auf. Der erste Block war Biochemie und Genetik, wo ich bei der ersten Aufgabe hängen blieb (der Grund dafür wäre schlechte Publicity für Andere, deshalb nenne ich ihn hier nicht) und fast keine Punkte holte. Aber das konnte mir meine Laune nicht verderben. Ich war in Südkorea, mehr hatte ich nie gewollt. Der zweite Block verlief hingegen sehr gut, Tierphysiologie. Wir sezierten eine Spinne, was niemand richtig konnte, da man Spinnen nicht einfach wie jedes andere Tier ohne Schweinerei ventral aufschneiden kann. Trotzdem fand ich in der bräunlichen Brühe mit Pinzette und Kleenex die meisten der gefragten Bestandteile. Der zweite Teil der Aufgabe war es, mehr oder weniger unübersichtliche Graphen zu Neurologie zu interpretieren. Auch dies machte mir relativ wenig Schwierigkeiten.


Der dritte Block, nach dem Mittagessen, hatte Ökologie zum Thema. In der einen Aufgabe mussten wir Stichproben machen und Standardfehler berechnen, in der anderen untersuchten wir zwischenartliche Beziehungen. Beides Statistik, Mathematik, eigentlich nicht meine Stärke. Aber die Formeln wurden uns grösstenteils bereitgestellt, damit kam ich zurecht. Trotzdem ist mir in der Ökologie die Feldarbeit lieber.


Das Thema des letzten Blocks schliesslich war Systematik. Phylogenetische Bäume nach äusseren Merkmalen zusammenstellen. Ich glaube, ausser mir interessierten sich wenige Teilnehmer für Systematik, was für mich die Gelegenheit war, das Manko bei der Biochemie wieder auszugleichen. Systematik ist eigentlich einfach, wenn man das Prinzip versteht, nur hatten sich im Vorfeld Wenige die Mühe gemacht, das Prinzip verstehen zu wollen. Wie ich im Nachhinein erfuhr, stimmte meine Vermutung.


Mittwoch war Exkursionstag. Wir besuchten zwei für uns als Zielgruppe doch etwas komische Orte: Die Daewoo Shipbuilding Area und einen Dinosaurier-Vergnügungspark. Bei Daewoo werden Öltanker, Kriegskreuzer und Bohrinseln umweltfreundlich und im Einklang mit der Natur hergestellt, wie ein Werbevideo zeigte. Die Koreaner haben offenbar allgemein einen Hang, Werbevideos für Orte an genau diesen Orten zu zeigen. Effizientes Marketing hat die Halbinsel noch nicht erreicht. Das Werbevideo war allerdings sehr unterhaltsam, wenn man es als Realsatire sah. „Wir sind eine Firma, die ihre Freunde nicht im Stich lässt“ - Sicher. Wenn man solche Freunde hat wie Daewoo, wäre das auch glatter Selbstmord.


Der Dinosaurierpark war eher für Kinder bis zehn Jahre gedacht. Angeblich sollte es irgendwo zwischen den Plastiksauriern echte Dinosaurierspuren haben. Wir haben sie aber nicht gefunden, also erkundeten wir den Strand und fotografierten flinke Krabben und riesige Meerasseln.


Am Donnerstag schliesslich fanden die theoretischen Prüfungen statt. Sie ähnelten der ersten und der zweiten Runde der SBO und dauerten zwei, beziehungsweise zweieinhalb Stunden. Natürlich waren wir Schweizer mit unserem eher lockeren Training den auf Auswendiglernen getrimmten Asiaten bei den Wissensfragen total unterlegen. Aber dass die Schweiz Durchschnitt ist in der Theorie, war laut unseren Leitern noch nie anders. Als wir die Prüfungen durch hatten, traten wir nichts ahnend aus dem Gebäude und, Überraschung, der Weg war von unseren lieben Guides gesäumt, die uns mehr als herzlich beglückwünschten. Am Abend fand die Friendship Night statt, eine Party mit einheimischen Tanzgruppen, einer Opern singenden Professorin (die musikalisch etwas schräg in der Landschaft stand) und Neunziger-Hits. Trotz der komischen Kombination kam schnell Stimmung auf, wir alle hatten bereits mit vielen Anderen Freundschaft geschlossen und die Atmosphäre spielte nicht einmal so eine grosse Rolle. Aber als die Moderatoren die Party bereits um 21 Uhr für beendet erklärten, kam grosses Murren auf. Die Organisation war straff, hierarchisch und dies oft sinnlos. Denn nach der Friendship Night standen wir noch bis ein Uhr nachts und länger zwischen den Gebäuden (Sitzgelegenheiten waren rar), redeten und spielten Karten und Würfel. Dies, weil unser Schweizer Gastgeschenk aus einem Würfelbecher mit zwei Würfeln und einer Spielanleitung für verschiedene Würfelspiele bestand. Wir selbst wurden ebenfalls mit Geschenken überhäuft, die Frauen noch viel mehr als ich, da Männern kein Schmuck geschenkt wurde. Was ich praktisch fand, denn wir mussten schliesslich noch mit Rucksäcken zwei Wochen quer durchs Land kommen, da ist viel Ballast unerwünscht.


Freitag waren dann wieder Exkursionen dran: Wir besichtigten einen Museenkomplex (alle möglichen Museen von Kunst über Geschichte bis Natur auf einem Haufen und nur mit Gemeinschaftstickets zu besichtigen, ebenfalls sehr komisch für Europäer) und einen Tempelkomplex, in dem früher die Königsfamilie residierte. Abends tauschten wir fleissig Kontaktdaten aus, denn am nächsten Tag würden viele von uns schon wieder abreisen müssen.


Und so war es dann auch: Am Samstag lagen sich all die neuen Freunde bereits in den Armen, obwohl der wichtigste Teil noch vor uns lag. Mit grossen Schritten näherten wir uns der Closing Ceremony. Doch bevor wir unsere Resultate erfuhren, mussten wir uns wieder zwei langweilige Festreden anhören, die nichts Anderes beinhielten als diejenigen an der Opening Ceremony: Nichts. Und wieder eine Rede von Poonpipope Kasemsap, in der er sich sehr humorvoll dafür entschuldigte, dass er uns noch hinhalten musste vor der langersehnten Verleihung der Medaillen. Und irgendwann kam sie ja doch. Ich sass völlig relaxed in meinem Sessel und sah meinen Teamkolleginnen beim Zittern zu. Nach wie vor hatte ich mein Ziel bereits erreicht und freute mich auf alles, was kommen sollte, mit einer völligen Gleichgültigkeit für das Nichts. Nach drei oder vier Serien Bronzemedaillengewinnern erschien dann mein Name auf der Leinwand. Ich freute mich total. Mit neun Anderen in einer Reihe nach vorne marschieren, Medaille entgegennehmen, umhängen, Diplom entgegennehmen, danken, lächeln fürs Foto und ab. Das ganze Team umarmen und mich glücklich wieder hinsetzen. Wenig später leuchteten Cora und Anja auf derselben Folie auf. Ich war als ganz aussen Sitzender der Einzige, der auf die Folien sah, und ich hatte die Ehre, es ihnen zu sagen. Auch sie durften nach vorne stehen und lächeln. Die Bronzemedaillen zogen vorüber und Rahel war enttäuscht. Ich sagte ihr: „Na gut, dann hast du halt Silber.“ Sie antwortete gereizt, ich solle keine dummen Sprüche machen. Aber bereits in der zweiten oder dritten Serie Silber war sie dran. Wortlos und mit einem wissenden Lächeln stand ich auf, um ihr Platz zu machen.


Nach der Zeremonie gab es ein grossartiges Abendessen, danach durften wir uns ganz spezielle Souvenirs nehmen: Die grossen IBO-Flaggen, die die ganze Woche an jeder Strassenlaterne in der Stadt gehangen hatten. Es waren mehr als genug da. Ich nahm zwei und beschrieb mit Rahel zusammen eine weitere als Geschenk für Herrn Wullschleger. Dann ging es zurück ins Studentenwohnheim, wo es für mich keinen Schlaf gab: Tian Chen und sein Team Singapur mussten bereits um vier Uhr morgens abreisen. Auch wir tauschten alle Kontaktdaten aus und schreiben uns nun fast regelmässig auf Facebook.


Am nächsten Morgen musste sich das Schweizer Team schweren Herzens trennen. Cora flog bereits nach Hause, wie auch unser SBO-Obermotz und Mitgründer Daniel „Phäntu“ Weber. Anja reiste mit ihrer Mutter noch etwa mehr als eine Woche durchs Land. Und wir Anderen, neben mir Rahel sowie unsere Leiter Thierry Aebischer und Miriam Luginbühl, reisten als Backpacker weiter.


Wo waren wir nach der IBO?
Hier möchte ich mich eher kurz fassen und die Bilder sprechen lassen. Wir bereisten den Süden, von Changwon im Südosten her bis Mokpo im äussersten Südwesten, von wo aus wir den Zug zurück nach Seoul nahmen.


Unsere erste Station war ein Vogelschutzgebiet vor Changwon, in dessen Nähe wir zelteten. Wir standen bereits um halb sechs mit Fernrohr, Feldstechern und Vogelbuch am See. Wirklich viel zu sehen gab es allerdings kaum. Viel interessanter waren für mich die Grossinsekten, deren Gemeinschaften mich extrem an den Mittelmeerraum erinnerten. Charakteristisch waren beispielsweise Nasen- und Kegelkopfschrecken (Gattung Acrida, bzw. Pyrgomorphidae), Kreuzschrecken (Oedalus), Gottesanbeterinnen (Tenodera angustipennis) sowie Feuerlibellen (Crocothemis oder verwandte Gattungen), aber auch ungewöhnlich tropische Artengruppen wie Eichelhäher-Falter (Graphium). Ich fand später sogar vier Arten der vornehmlich tropischen Phasmatodea (Gattungen Ramulus und Micadina) im und um den Jiri San National Park, ziemlich weit im Landesinneren. Es könnte sich um der Wissenschaft noch unbekannte Arten handeln.


Ebenfalls subtropisch war unsere zweite Station: Ein Meeresnationalpark in der Nähe von Geoje, auf einer vorgelagerten Insel südlich von Changwon. Wir schlugen etwas ausserhalb unsere Zelte auf und erklommen praktisch von Meereshöhe aus die steilen, grünen, von Nebelschwaden umgebenen Hügel. Ich glaube, ich war noch niemals so stolz darauf, auf einer Höhe von 465 Metern über Meer zu stehen. Unser Zeltplatz war optimal gelegen, auf einer Lichtung in unmittelbarer Nähe zu einem Bachlauf. Und erstaunlich wild: Als ich meinen Hut ins Gras legte, kroch ein über zehn Zentimeter langer Skolopender darauf. Und als ich mich am Bach waschen wollte, schoss eine junge Viper auf meine Beine zu. Allerdings war sie noch nicht zielsicher und offenbarte ein gewisses Comedy-Potenzial, indem sie weit an mir vorbeisprang, sich dann für Herumzucken und Totstellen entschied und schliesslich, als auch das nicht zu welchem Erfolg sie sich auch immer erhofft hatte führte, kroch sie unter einen Stein und versteckte sich. Ich kam mit Thierry und Fotoapparaten wieder und wir fotografierten die Schlange ausgiebig.


Von diesem Nationalpark aus, in dem übrigens gefischt werden darf und wo das Militär ausgiebig mit MGs trainierte, ging es dann weiter in den nächsten: Den Jiri San. Dieses grösste zusammenhängende Waldgebiet, zu weiten Teilen noch Primärwald, ist ein Berggebiet mit subtropischem Regenwald und allabendlichen Regenfällen. Hier entdeckte ich unter Anderem auch die vorher erwähnten Phasmatodea. Was wir hingegen nicht fanden, waren die vierzehn Kragenbären, die von der Regierung dort kürzlich wieder angesiedelt wurden. Da das eine unserer Zelte völlig durchnässt war, mussten wir leider nach zwei Tagen schon wieder abreisen. Am letzten Tag wurden wir ganze zwei Mal zum Essen eingeladen. Die Südkoreaner sind von Grund auf sozial und gastfreundlich. Dass dies damit zusammenhängt, dass praktisch alle Koreaner gläubige Christen sind, wage ich als Atheist zu bezweifeln. Falls doch, wären sie wohl das einzige Volk, das in corpore die Regeln der Nächstenliebe befolgt.


Und weiter ging es mit den komfortablen Intercity-Bussen nach Suncheon, dem „Ecology Capital of Korea“. Und dieser Name ist verdient: Die Suncheon Bay, eine grosse Mündung ins Südliche Meer und gleichzeitig ein Vogelschutzgebiet, beherbergt eine grosse Artenvielfalt. Sie besteht zwar hauptsächlich aus Reisfeldern, doch wie wir im Verlauf unserer Reisen gelernt hatten, sind Reisfelder nicht einfach langweilige artenarme Monokulturen, sondern richtige Ökosysteme mit verschiedensten Libellen, kleinen Fischen, Daphnien, grossen Apfelschnecken, Hunderten von Reihern, dem seltenen „Watercock“ (Gallicrex cinerea) und riesigen Kaulquappen, aus denen noch riesigere Frösche werden. Hinzu kam, dass inzwischen der Limikolenzug eingesetzt hatte. Wir konnten Grünschenkel, Terekwasserläufer und Östliche Pfuhlschnepfen zu Dutzenden, beziehungsweise Hunderten, beobachten. Weitere Highlights waren Blauelster und Winkerkrabbe, aber meine absoluten Lieblinge waren die Schlammspringer. Diese eigentlich ebenfalls tropischen Fische, die uns später noch einmal am Gelben Meer begegnen würden, muss man einfach mögen. Wie sie aus ihren kugelrunden Stielaugen keck hervor linsen, wie sie durch den nassen Sand hüpfen, einfach süss.


Und kaum hatten wir die Schlammspringer gesehen, da waren wir auch schon in Mokpo am Gelben Meer. Da wir keine Chance hatten, vor dem Sonnenuntergang aus der Stadt zu gelangen und unsere Zelte aufzuschlagen, übernachteten wir im günstigsten Motel. Es war ein so genanntes „Love Motel“, in dem der Schlüssel zusammen mit Präservativen übergeben wird. Tja. Glücklicherweise waren die nächtlichen Geräusche aus den Nebenzimmern erstaunlich leise und nicht sehr lang anhaltend.


Am nächsten Morgen fuhren wir in die Nähe von Jindo, einer auf einer kleinen Insel im äussersten Südwesten gelegenen Stadt, und schlugen unsere Zelte auf einer brachliegenden Reisterrasse auf. Von da aus unternahmen wir Ausflüge ans Gelbe Meer, wo wir neben Schlammspringern und Limikolen auch grosse Kriegsschiffe sahen, und erkundeten die Steilküste.


Und ehe wir es uns versahen, sassen wir bereits wieder im Zug zurück nach Seoul, wo wir im selben Guesthouse übernachteten wie vor der IBO. Nur blieben wir dieses Mal drei ganze Tage. Wir trafen uns mehrmals mit unseren Guides wieder und besuchten die Grenze zu Nordkorea. Dort wurde uns streckenweise das Fotografieren verboten, aber wir konnten auf den wunderschönen Grünstreifen sehen, der den Norden vom Süden trennt und unter Anderem 95% der weltweiten Population des Maskenlöfflers beherbergt. Leider sahen wir die Löffler nicht, dafür einen Tunnel, der angeblich von den Nordkoreanern gegraben und von den Südkoreanern entdeckt und gesichert wurde. Aber dieser Information vertraue ich keineswegs. Auf derselben Informationstafel stand auch, er sei zwei Meter hoch. Aber da ich mit meinen eins einundachtzig tief gebückt bis zur Absperrung und als Ausgleich für meinen Rücken im Limbo wieder zurück gehen musste, bin ich nun Aufdecker einer gemeinen Propagandalüge, die vielen schon das Rückgrat geschwächt hat.


Am Tag der Abreise, unser Flug ging um fünf vor Mitternacht, wollten wir eigentlich noch Vögel auf dem Flughafengelände beobachten. Aber wir hatten nicht mit der Armee gerechnet: Um den Incheon International Airport steht eine drei Meter hohe Mauer mit Stacheldraht, durch die kein noch so gutes Fernrohr sehen kann. Macht nichts, dachten wir uns, besuchen wir den Strand. Der Strand war überfüllt wie an der Côte d‘Azur, aber wir fanden ein ruhiges Plätzchen auf Felsen, die exakt so aussehen wie Kunstfelsen in Filmen und Zoos, aber im Gegensatz zu diesen echt sind. Hinter diesen Felsen steht erhöht ein Wachturm und ein Stacheldrahtzaun zieht sich der ganzen Küste lang. Am Zaun fanden wir ausrangierten Stacheldraht. Thierry und ich packten welchen ein, als Zeitzeugnis. Bald besser als ein Stein aus der Berliner Mauer. Schliesslich beschlossen wir, einen Bus zurück zum Flughafen zu nehmen. Aber es fuhren keine Busse. Niedergeschlagen und ohne eine Chance, zu Fuss noch rechtzeitig zurück zu kommen, sassen wir an der Haltestelle und überlegten, wie wir ein Taxi kriegen konnten. Da hielt ein riesiger Offroader an (in Südkorea ist kaum ein Auto nicht einen halben Meter höher als sein Besitzer), ein Familienvater stieg aus und bot an, uns zum Flughafen mitzunehmen. Wieder einmal überraschte uns die geniale Gastfreundlichkeit dieses überhaupt nicht touristischen Landes. Wir kamen rechtzeitig am Flughafen an und flogen planmässig ab.


Bleibt nur noch eins:


Wer bin ich überhaupt?
Mein Name ist Daniel Ralf Ballmer, Jahrgang 1991, wohnhaft in Unterentfelden AG. Zur Zeit besuche ich das letzte Jahr der Neuen Kantonsschule Aarau, die ich liebevoll „meine Neue“ nenne. Für Biologie, insbesondere Tiere, interessiere ich mich schon soweit ich zurück denken kann. Das sind für gewöhnlich etwa drei Wochen, mit Lücken. Genauso lange interessiere ich mich auch schon für Theater und Schauspiel und, erst seit ich es kann, für das Schreiben. Parallel zu den ersten beiden Runden der SBO habe ich dann auch für die Theatergruppe meiner Neuen „Romeo und Julia“ umgeschrieben. Somit bin ich ein Bummler zwischen zwei Welten. Beruflich habe ich mich aber bereits entschieden: Für das Theater. Liebe Leser, darauf reagieren schon genug Menschen mit Unverständnis, ich bitte Sie deshalb, von dieser Ansicht abzusehen.


Meine bevorzugten Gebiete in der Biologie sind Ökologie, Evolution, Systematik und Entomologie (Insektenkunde). Seit nun fast sieben Jahren halte und züchte ich tropische Insekten, vor allem Phasmatodea, aber zeitweise auch Gottesanbeterinnen, Schaben, Käfer und Heuschrecken. Auf Terra Typica lese ich seit etwas mehr als sechs Jahren fleissig mit und schreibe hier und da Kleinanzeigen. Da ich für nächstes Jahr plane, ein Zwischenjahr in Südostasien einzulegen und für eine Naturschutzorganisation zu arbeiten, muss ich meine Zucht aber leider fürs Erste aufgeben. Wer Interesse an einer grossen Auswahl leicht zu haltenden Phasmatodea hat, soll sich einfach bei mir melden.