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Mittwoch, 18. Januar 2012

Briefe von den Philippinen: 17.01.2012


Hallo mal wieder.

Der letzte Bericht ist nun schon etwas her, und als Mindanao in den Fluten versank, bekam ich auch immer öfter besorgte Anfragen nach meinem Wohlbefinden, das habe ich dann als Indiz dafür genommen, dass es mal wieder Zeit wird, was von mir hören zu lassen.

Ich war die überwiegende Zeit oben auf der Station, daher die spärlichen Lebenszeichen. Da ist es nicht so weit her mit „Strom haben“, und die wenige „energiegeladene“ Zeit habe ich dann doch für Paper und diverses anderes Zeugs genutzt. Meist war aber auch das nicht möglich. So hatte ich genügend Zeit, eine eigene revolutionäre Theorie zur Verteilung von Flora und Fauna auf den Philippinen zu entwickeln.

Was wird da einem in Lehrbüchern nicht alles erzählt von Biogeographie, pliozänen und pleistozänen Landbrücken, Arten-Areal-Beziehungen, Ausbreitungskorridore, Besiedlungs- vs. Aussterbewahrscheinlichkeiten, Abstand zum Festland usw. usf.. Alles Unsinn! Den Viechern geht einfach nur das Wetter auf den Sack! Was die Tropen am Laufen hält ist die richtige Mischung aus Sonneneinstrahlung und Niederschlagsmenge. Die Betonung liegt hierbei auf „richtige Mischung“. Wenn es ¾ des Jahres nur schifft, ist das vielleicht gut für Moose und Algen, die tatsächlich sehr artenreich sind auf den Visayas, aber alles andere hätte doch gerne auch mal Strahlungswärme ab und an. Ich stelle mir die Ereignisse, die zur heutigen Situation geführt haben, etwa so vor:

2.568.964 BC., Oberpliozän, kurz nach Schließung des Isthmus von Panama: eine Gruppe Deroplaten, vor wenigen Monaten auf Borneo in der Begleitflora eines riesigen Dipterocarpen geboren und aufgewachsen, und vor einigen Wochen samt diesem durch den Melinau River ins südchinesische Meer geschwemmt, strandet an der Küste Panays. Sie werden von einer Tiefdruckzone empfangen, mit Wind und Dauerregen.
Einige Tage später: keine Besserung in Sicht. „Voll ätzend hier. Ich sage es ja nur ungern Leute, aber ich glaube, wir haben die Arschkarte gezogen. Wir hätten wie die anderen auf der langen Insel westlich von hier aussteigen sollen, aber ihr wolltet unbedingt eine eigene Insel haben. Nun, das ist sie!“ „Nun warte doch mal ab, vielleicht wird es ja noch besser.“ „Wann denn? Wenn die Eiszeit kommt, von der alle reden? Diese Insel ist scheiße und mittlerweile hab ich auch ordentlich Hunger. Und richtig wohl fühle ich mich bei euch auch nicht mehr. Denkt ja nicht, ich wüsste nicht, was mit Joe passiert ist! Ja, ich meine dich, Kate!“ „Aber ich hatte solchen Hunger…“ „Und? Siehst Du meine Intersegmentalhäute irgendwo spannen? Mal im Ernst, wollt ihr euren Larven DAS antun? Da lohnt doch das Bewachen der Oothek gar nicht. Mir könnt’s ja wurscht sein, ich erlebe das Ende der Paarung eh nicht mehr. Nee, wirklich, hier kann doch keiner leben. Kommt Leute, lasst uns aussterben!“

So oder ähnlich erging es dann auch den Toxos, den Mettis, Hymenopus, Theopropus, Mantis religiosa („Ich bin ja nicht anspruchsvoll, aber was zuviel ist, ist zuviel!“) und all den anderen Unglückseligen. Nur Hierodula, Statilia und Acromantis nahmen das eher locker, die kannten dergleichen schon aus Taiwan.

Das einzige, was sich hier wohlfühlt, sind Pflanzen, Frösche und Egel. Selbst den Schnecken ist es zu nass, die kleben bei Regen alle an der Blattunterseite. Man wundert sich, dass es überhaupt Reptilien gibt. Mir tun die endemischen Tiere mittlerweile alle irgendwie leid. Auf ewig verdammt hier zu leben, können sie nicht weg, können nicht an die (wettermäßig etwas bessere) Küste, weil da alles abgeholzt ist, und müssen die meiste Zeit, nämlich immer, wenn es schifft, irgendwo ausharren und sich langweilen. Kein Wunder, dass es keine sonderlich intelligenten Tiere hier gibt. Falls es sie jemals gab, haben sie sich längst zu Tode gelangweilt. Nun ja, vielleicht haben sie Glück und die Waldzerstörung geht weiter, dann dürfen sie endlich aussterben.

Ihr denkt vielleicht, ich übertreibe. Ich fasse mal als Beispiel meine Zeit von Weihnachten bis Geburtstag zusammen. Dass ich an Weihnachten überhaupt oben war, beruhte auf einer Fehlplanung meinerseits (ich sage nur: Mythomantis) – Mann, wie ich das bereut habe…

Weihnachten: vier Tage Dauerregen. Der Generator ist zwar repariert und hochgeschickt, aber ohne Benzin nützt der herzlich wenig, denn das wurde nicht mit hochgeschickt. Es ist trüb, nass und kalt. Mir ist schon klar, dass der Begriff „kalt“ für Mitteleuropäer durchaus dekadent klingen mag, wenn es über 20° sind, aber wenn ich sage, dass man jeden Tag gezwungen ist, bei 21° kalt zu duschen, verleiht das dem Ganzen dann eventuell doch mehr Nachdruck. Zum Glück, es ist ja Weihnachten, hab ich ausreichend Fressalien und 3 Flaschen Rum hochgebracht. Letzterer war bald alle, weil wir ihn zum Aufwärmen genutzt haben. Wir haben ihn in den Kaffee gekippt (der zur Hälfte der Zeit alle war), in den Tee, ins Wasser, wir haben ihn in so ziemlich alles gekippt. Trotzdem alles zum Kotzen. Muss die ganze Zeit an die anderen Stationen denken, wo ich gewesen bin, wo es auch in der Regenzeit warm ist und es eine Infrastruktur gibt.

Silvester und Neujahr: das Wetter ist besser, aber der Rum ist alle. Gibt noch paar Süßigkeiten. Sonst nix los, mein Feldassi ist unten in Pandan und feiert.

Geburtstag: es schifft wieder seit geraumer Zeit. Hatte meinem Feldassi aufgetragen, wenn er wieder hochkommt, zwei Flaschen Rum mitzubringen – nur kam der nicht mehr hoch. Es ist also trüb, kalt und nass und wir haben keinen Rum und keine Süßigkeiten mehr. Oh, wie schön war Panama…

So könnte ich endlos fortfahren. Ich bilde mir ja ein (ich weiß, Einbildung ist auch eine Bildung) schon einigermaßen in den Tropen herumgekommen zu sein, aber noch nie war mir so kalt wie hier, und das bei gerade mal 460 m! Dabei bin ich ja an sich recht kälteunempfindlich. Selbst Fortuna in Panama kam mir wohliger vor, und das liegt auf 1000 m in der Nebelwaldzone! Da habe ich mehr Sonne gesehen, obwohl es auch da oft regnet, und außerdem hatte jene Station Stromanschluss und einen Heizlüfter! Heizlüfter, wenn ich nur dran denke, ich hätte töten können für so ein Ding, aber es nützt ja nichts ohne Saft… Südlich von Pandan gab es mal ein Geschäft, das Radiatoren verkauft hat, das haben wir immer ausgelacht, weil wir uns nicht vorstellen konnten, wofür die sein sollen. War wie Kühlschränke an Eskimos verkaufen. Ich hätte nicht lachen, sondern damals einen kaufen sollen. Jetzt ist das Ding pleite.

Ich weiß mittlerweile auch, was Sibaliw eigentlich bedeutet. Es heißt soviel wie „Wahnsinn“. Na das passt ja mal, denn nur völlig Bekloppte tun sich sowas freiwillig an… Mittlerweile freu ich mich tierisch, wenn ich ins wohlig-warme Pandan zurückkann – Pandan, das muss man sich mal vorstellen! Wenn ich wieder zurück bin, muss ich erstmal wieder richtig in die Tropen fahren; da wo es warm ist, es einmal am Nachmittag regnet, und wo es wenigstens paar ordentliche Mantiden gibt.

Viele Grüsse!


 



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