Insektenbörse '17

Am 30.09.2017 findet in Kloten
die nächste Ausgabe der einzigen
Schweizer Insektenbörs
e statt.

Jetzt Tische reservieren!

Follow us...

Mittwoch, 29. Februar 2012

Briefe von den Phillippinen: 28.02.2012


Hallo allerseits

Im Januar, während eines meiner Zwischenaufenthalte in Pandan, war ich auf dem Ati-Atihan-Fest in Kalibo. Ati-Atihan ist das größte Volksfest der Philippinen, etwa eine Mischung aus spanischer Fiesta und Karneval, und gehört zu jenen Dingen, die man unbedingt einmal gesehen haben muss… mit Betonung auf „einmal“. Ich wollte letztes Jahr schon hin, aber da war ich ja verletzt. Also schnappte ich mir dieses Jahr einen vom Projekt und wir fuhren nach Kalibo.

Ati-Atihan bedeutet ungefähr „so wie die Ati“ und geht auf ein Ereignis in der Kolonialzeit zurück, als die Philippinen in den Fokus malaiischer Sultans gerieten (bevor sie dann endgültig in den Fokus europäischer Mächte gerieten). Irgendein Sultan aus dem Süden (Sulu, Sabah oder irgendwas ähnliches, krieg ich jetzt  nicht mehr zusammen) wollte seinen Einflussbereich auf den Norden der Philippinen ausdehnen und segelte mit Flotte nach Norden, um irgendwo zwischen Kalibo und Ibajay anzulanden. Die Bewohner hatten wohl keine rechte Lust, eingegliedert zu werden, bemalten und kleideten sich wie die Urbevölkerung (jene Ati eben, von denen es damals noch jede Menge gab) und veranstalteten einen wilden Veitstanz, als die Malayen in Sichtweite kamen. Das war dem zivilisierten Sultan dann doch zu wild und uninteressant, also segelte er wieder von dannen. Wenn sich nur die Spanier ebenso hätten abhalten lassen können…

Jedenfalls veranstaltete die Küstenbevölkerung zu Ehren der Ati, die sie unfreiwillig vor dem Islam bewahrt hatten, von da an jedes Jahr eine Feier, bei der sich die „Stämme“ der Region schwarz anmalen, mit mehr oder weniger originalgetreuen Kostümen schmücken und unter heißen Trommelrhythmen in einem Umzug durch die Stadt ziehen. Das Ganze erinnert etwas an die Wagen der einzelnen Karnevalsschulen in Deutschland. Da tanzen sie sich dann, (sehr) jung und alt, in der Gluthitze einen Wolf, während die anderen Filipinos samt unzähliger Touristen (Kalibo ist im Januar völlig ausgebucht) sich einen ansaufen und mit einzelnen Kostümträgern ablichten lassen. Das geht dann so bis spät in den Abend hinein. Wir waren da schon auf dem Rückweg, denn mit der Sonne verschwindet auch meist die Beherrschung der Betrunkenen; jedes Jahr gibt es Messerstechereien, Schlägereien oder Schusswechsel, und darauf hatte ich dann doch keinen Bock.

Seit den Siebzigern oder so haben sie das Fest noch etwas aufgepimpt. Im Januar ist nämlich auch der Santo Niño Tag, ein recht wichtiger christlicher Feiertag hierzulande, und so wurden beide Feste zusammengelegt, so dass jetzt beim Ati-Atihan-Fest immer irgendwelche Statuetten des jungen Jesus herumgetragen werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das hat die Kirche mal wieder gefickt eingeschädelt, sich die Beliebtheit eines heidnischen Festes zu eigenen missionarischen Zwecken zunutze zu machen und ihm gleichzeitig den christlichen Stempel aufzudrücken. Kennt man ja schon, das Prozedere. Den Stadtvätern war das bestimmt auch recht, weniger Chaos bei gleichzeitig mehr Touristen-Geld. Ein Bombengeschäft für alle.

Und die Ati selbst? Die meisten, die was auf sich halten, bleiben dem Spektakel fern. Die anderen treiben sich auf jenem Fest, das einst ihnen zu Ehren ins Leben gerufen wurde, als betrunkene Bettler herum. Auch deshalb hielt sich der Spaß bei mir in Grenzen. Den Filipinos ist das egal, Hauptsache, es ist laut und alkohollastig genug; den Touristen ist es egal, denn die wissen nicht mal, was Ati sind oder wie man sie von anderen unterscheidet; den Veranstaltern ist es sowieso egal, Hauptsache die Kasse stimmt. Ati-Atihan ist ein gutes Geschäft für jedermann, selbst für die bettelnden Ati am Straßenrand. Auf die Idee, einen Teil der Einnahmen dafür zu verwenden, diesen Leuten zu helfen, käme hier niemand. Die blöde Kirche, die sich hier in alles einmischt, tut auch nichts, statt dessen begnügt sie sich mit den Einnahmen aus Ablasshandel und der Seelenfang-Statistik und predigt ihren Opfern weiterhin was von fruchtbar sein und sich vermehren, dabei können viele schon jetzt nicht mehr ihre Kinder richtig ernähren.

Dem Untergang der Ati kann man jedenfalls förmlich zusehen, ob beim Ati-Atihan, auf Boracay oder sonstwo auf den Philippinen. Aussterben mit Pauken und Trompeten sozusagen. Ich vermute mal stark, dass in hundert oder hundertfünfzig Jahren, sollte es die Philippinen dann noch geben, wenn die Ati ganz ausgestorben sind und der Originalcharakter des Ati-Atihan-Festes im christlichen kommerziellen Einerlei untergegangen ist, kaum jemand hier mehr was zur Geschichte dieses Volkes wissen wird und wieso es wichtig gewesen wäre, es zu bewahren. Ist ja auch nicht so wichtig, sowas zu wissen, wichtiger ist es, lautere Boxen, teurere Visa und mehr Hotels zu haben.

VG


 



Kommentare sind nur nch mit Useraccount möglich. Bitte Logge Dich mit Deinem Account ein oder registriere Dich hier.