Insektenbörse '17

Am 30.09.2017 findet in Kloten
die nächste Ausgabe der einzigen
Schweizer Insektenbörs
e statt.

Jetzt Tische reservieren!

Follow us...

Dienstag, 23. Oktober 2012

Briefe von den Phillippinen: 23.10.2012


Hi.

Eigentlich wollte ich erst nach dem nächsten Stationsaufenthalt mal wieder was schreiben, aber es könnte zu leichten… ich sag mal ‚Verzögerungen‘ kommen. Mit der statistischen Wahrscheinlichkeit ist es nämlich so ‘ne Sache.

Die Wetterkarte der letzten Tage sah vielversprechend aus, zwei tropische Stürme, die sich weit draußen auf dem Meer jagten, dann ein nebensächliches, in die Innertropische Konvergenz-Zone eingebettetes, kleines Tief mit 10% Wahrscheinlichkeit, sich in einen Sturm umzuwandeln, wie es sie alle Nase lang gibt, sonst meist bestes Wetter – ja, es gibt tatsächlich einen El Niño-Effekt dieses Jahr. Selten hatte ich zu dieser Jahreszeit so gutes Wetter an der Station, mit Regen in der genau richtigen Menge, viel Sonne und Leben, das sich daran erfreute.

Das machte richtig Spaß. Nur die Station selber wird jeden Monat maroder, schon biegt sich der Boden hier und da durch, weil die tragenden Balken wegen Pilzen, Termiten oder schlichtweg Nässe teilweise weggemodert sind. Und das Dach ist keinen Deut besser, es tropft und leckt an allen Enden, was dann dem Boden weiter zusetzt. Das ganze Scheiß-Ding müsste mal runderneuert werden, was angesichts des Geldmangels ein frommer Wunsch bleibt. Und die bescheuerte Turbine geht auch nie richtig. Trotzdem haben wir trotz Vollbesetzung kaum Stromprobleme, weil die Solarzellen wegen des relativ guten Wetters alles geben.

Mittlerweile gehen einem die Ratten auch furchtbar auf den Senkel. Ist ja klar, bei soviel Bio-Abfall lassen sich die Biester nicht lange bitten. Und wir dürfen sie ja nicht killen, weil ja Wirbeltiere, dazu noch heimisch (es gibt tatsächlich vier Arten der Gattung Rattus hier im Wald, und das OHNE die Wanderratte, kein Wunder, dass alle Plagen aus Asien kommen…), also werden sie immer wieder in Lebendfallen gefangen und irgendwo ausgesetzt. Nach etwa drei Tagen sind sie wieder hier, ist ja klar, als Ratte würde ich auch hier ins Schlaraffenland zurück wollen.

Die Viecher sind nicht nur laut, weil sie nachts im Gebälk und auf dem Wellblech herumpoltern, und eine ständige Gefahr für die Hygiene, ihre Anwesenheit hat noch ganz andere, etwas heiklere Konsequenzen. Seit einiger Zeit ist die Station nämlich der örtliche Grubenotter-Treff. So ziemlich jede Bambusotter der Region findet irgendwann den Weg zu uns. Und weil es ihnen so gefällt, bleiben sie. Erst ließen sie sich jahrelang nicht blicken, jetzt sind sie überall, auf den Bäumen neben der Station, unter der Station und auch mal in der Station, im einen oder anderen Zimmer. Das ist dann nicht mehr ganz so witzig, ein Biss dieser Viecher kann einem schon die Woche versauen. Man stirbt da zwar als gutgenährter Europäer kaum jemals dran, aber Bisse von Crotaliden sind nervig, die Glieder schwellen an, das Gewebe kann nekrotisch werden usw. usf.. Es sind derer sogar zwei Arten, die eine, Parias (oder heißen die wieder Trimeresurus? Da blickt auch keiner mehr durch) flavomaculatus, ist häufiger, die zweite, Tropidolaemus subannulatus, recht selten. Ich kann die Viecher ja verstehen, derartige Ratten-Autobahnen wie hier verströmen einen unwiderstehlichen Geruch. Als Rattenvertilger machen sie sich ganz gut, aber sie kommen deren Vermehrungsrate auch nicht hinterher. Was wir bräuchten, wäre eine Python, aber die sind recht selten und stehen leider nicht so auf Ratten; Hühner, Schweine, Flughunde und diverse Haustiere sind ihnen lieber. Was ‘ne Schande, so eine 4-m-Python könnte die Ratten wie Chips wegknuspern…

Der Bioabfall hat auch eine Zibetkatze angelockt und zum Bleiben bewegt, das ist dann mal ein Tier, das den weiblichen Stationsbesuchern meist ein „Oh, wie süß“ entlockt, mit seinem plüschigen Fell, dem Ringelschwanz und den runden Ohren. Ich gebe zu, das ist mal eine nette Abwechslung; leider fressen die Viecher keine Ratten. Aber auf Früchte stehen sie, und werden deshalb auch zur Herstellung des „Alamit“-Coffee, also des sog. Katzenkaffees, herangezogen. Die Tiere werden aber nicht im Käfig gehalten, es kommen wilde Exemplare in die Plantagen und fressen die Bohnen. Die Angestellten laufen dann die Gegend ab und sammeln deren Scheiße auf, aus denen dann die Bohnen gewonnen werden.

À propos Weibsvolk: ja, im September und Oktober waren gleich vier Studentinnen da. Und ich natürlich... Zwei sind mittlerweile schon wieder abgereist. Das waren nun aber keine Tropenökologinnen, sondern mehr so Großstadt-Pflanzen, die mehr Ähnlichkeit mit den „Sex and the City“-Tanten als mit Jane Goodall hatten. Gott, ich hatte meinen Spaß. Dann wurde dann über jeden neuen Ausrüstungsgegenstand lamentiert, der zu schimmeln angefangen hatte, wild gezappelt, wenn sich mal eine Jagdspinne zu nah an die Privatsphäre herangetraut hatte, gequiekt, wenn 40 cm lange Monster-Schlangen den Weg kreuzten, und jedes Gewürm, was nur entfernt einem Egel glich, sofort mit Alkohol abgewaschen. Und der Versorgungs-Knilch im Dorf war angesichts des auf einmal um das Vielfache angestiegenen Klopapier-Verbrauchs sichtlich überfordert. Ich musste mich echt zusammenreißen, um nicht die ganze Zeit wie ein Irrer grinsend herumzulaufen. Klar, dass ich die vier nach Strich und Faden verarscht habe, wenn sich mir nur die Gelegenheit bot, vor allem eine von ihnen liefert mir immer gute Steilvorlagen. Zu deren Ehrenrettung muss ich aber zugeben, dass sie sich mittlerweile ganz gut gemacht haben, vor allem die beiden, die länger bleiben, und das Ganze nicht mehr so eng sehen. Das geht dann soweit, dass man einfach wartet, bis die Ameisen im Kakao alle hochgeploppt sind, um sie dann gelassen rauszufischen, vor ein paar Wochen noch absolut undenkbar, wie eine der vier mal konstatierte.

Kurzum, ich hatte schon schlechtere Stationsaufenthalte, zumal auch Mantodeen diesmal nicht allzu selten sind, v. a. von Tagalomantis kann man sich kaum retten und erste Haania tauchen auch schon auf. Das gute Wetter gefällt denen wohl auch. Den einen oder anderen Regentag gab es wohl, doch alles in allem gefällt mir der El Niño bisher ganz gut. Nun ja, jedenfalls bis vorgestern, da war die Sturm-Wahrscheinlichkeit jenes insignifikanten Tiefdruckgebiets auf einmal auf 60% gestiegen, heute waren es dann 90%, da hat das Ding schon den Osten Mindanaos nass gemacht. Eine vorausberechnete Bahn wurde auch gleich mitgeliefert, und die soll genau über Panay hinwegführen. Spätestens jetzt ist klar, dass eine geringe Taifun-Wahrscheinlichkeit in den Western Visayas nicht bedeutet, dass es gar keine gibt. Bisher hatte ich nur noch nicht das Vergnügen. Noch ist nicht klar, ob sich dieses Tiefdruckgebiet nur zu einem tropischen Sturm oder zu einem vollwertigen Taifun entwickelt, aber es könnte durchaus sein, dass hier einiges verweht wird. In den nächsten Tagen wird also nichts von mir zu hören sein, entweder weil ich wieder auf der Station bin, weil der Sturm die Stromleitungen lahmgelegt hat (wobei Punkt zwei Punkt eins nicht ausschließt), oder, na ja, drittens will ich mal ausschließen…

Hm, so ein kleiner Sturm ist eventuell gar nicht so schlecht, so müsste die Station mal endlich ordentlich renoviert werden.

VGC


 



Kommentare sind nur nch mit Useraccount möglich. Bitte Logge Dich mit Deinem Account ein oder registriere Dich hier.