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Freitag, 12. November 2010

Von unglaublichen Fotos und steinalten Büchern

Ochthera mantis (De Geer, 1776) (Insecta: Diptera: Ephydridae)   von Dipl.-Biol. Frank Wieland


Beginn der Originalbeschreibung von Ochthera mantis (als Musca mantis) in De Geer 1776, Seite 143.
Abbildungen 15-17 auf Tafel 8 in De Geer 1776. Die Abbildungen wurden der Tafel separat entnommen und neu zusammengestellt.

Vor einigen Jahren stieß ich bei der Suche nach Bildern von Insekten im Internet auf ein Foto. Darauf war ein Tier abgelichtet, das in meinen Augen nicht existieren konnte. Es war so spektakulär, dass es meines Erachtens in jedem zoologischen Lehrbuch meines Studiums hätte abgebildet sein müssen.

Das Foto zeigte eine Fliege, auf den ersten Blick der heimischen Stubenfliege nicht unähnlich. Allerdings fiel ein Körperteil des Tieres sofort ins Auge: Die enorm vergrößerten, Gottesanbeterinnen-gleichen Fangbeine! Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich noch nie von einer derart bewaffneten Fliege gelesen oder gehört. Auch Kollegen, denen ich das Bild zeigte, waren perplex. Nach einigem Grübeln und fruchtloser Recherche tat ich das Foto als ein geschickt bearbeitetes Photoshop-Konstrukt ab. Nach und nach verblasste die Erinnerung an das Foto mit der vermeintlichen Fliegen-Fälschung, bis ich es im Lauf der Jahre vollkommen vergessen hatte...

Vor einiger Zeit habe ich, mittlerweile deutlich geschulter in zoologischen Fragen, für das Animalbase-Team der Universität Göttingen zu arbeiten begonnen. In diesem Projekt wird alte zoologische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts digitalisiert. Die in diesen Werken zuerst beschriebenen Artnamen werden von meinen Kollegen und mir ausgewertet. Die Daten werden in eine öffentlich zugängliche Datenbank eingegeben. Unter den vielen zoologischen Büchern, die ich im Rahmen des Projektes bearbeitete, fanden sich auch die Werke des schwedischen Naturalisten Baron Carl de Geer. Zwischen 1752 und 1778 veröffentlichte De Geer eine Reihe ausufernder zoologischer Bände über Insekten: Die Mémoires pour servir à l'histoire des insectes. Darin beschrieb er über eintausend neue Arten, von deren Namen viele noch heute in wissenschaftlichem Gebrauch sind.

Beim Durchsehen des sechsten Bandes von 1776 fiel mir ein Name ins Auge, der mich stutzig machte: Musca mantis. Der Gattungsname Musca, so wusste ich, wird für eine Reihe von Fliegenarten verwendet. Mantis hingegen ist der wissenschaftliche Gattungsname  der auch in der Schweiz heimischen Gottesanbeterin Mantis religiosa. Der dort vor mir auf dem Bildschirm leuchtende Name bedeutete also „Mantis-Fliege“! Schlagartig kam die Erinnerung an das Foto zurück, das ich viele Jahre zuvor im Internet entdeckt hatte. Gespannt begann ich, die Erstbeschreibung der Art zu lesen (siehe Abb. 1). Wie ich feststellte, hatte der Schwede die Vorderbeine als kräftige Raubbeine beschrieben. Am Ende des Werkes fand ich die dazu gehörenden Abbildungen (siehe Abb. 2) und sah „meine“ Fliege wieder. De Geer hat das Fangbein detailliert dargestellt - und es gleicht dem auf dem Foto. Diese Fliege existiert tatsächlich!

Während der weiteren Recherche fand ich dann heraus, dass diese Art heute als Ochthera mantis geführt wird. Die zu den Sumpffliegen (Ephydridae) zählende Gattung Ochthera ist mit 37 Arten weltweit verbreitet. Ihre Fangbeine ähneln tatsächlich verblüffend denen der Gottesanbeterinnen. Sie sind stark verbreitert, dornenbesetzt und besitzen an der Schiene (Tibia) einen lang ausgezogenen Enddorn. Ein ebensolcher Dorn ist auch bei Gottesanbeterinnen zu finden. Diese Fliege ist offenbar ein kräftiger Räuber, der andere kleine Insekten wie Mücken und Gnitzen fängt und frisst. Ochthera benutzt die Fangbeine zum Teil auch zur innerartlichen Kommunikation (Winkverhalten). Dies ist auch von anderen fangbeintragenden Insekten bekannt, beispielsweise auch von Gottesanbeterinnen.

Interessanterweise findet man bei vielen Insektengruppen Fangbeine, die einem ähnlichen Bauplan folgen. Unter den Wanzen besitzen der Wasserskorpion Nepa, die Stabwanze Ranatra, die Gespensterwanze Phymata, viele Raubwanzen (Reduviidae) und andere solche Fangbeine. Bei den Gottesanbeterinnen sind sie durchweg bei allen Arten vorhanden. Offenbar ist bei räuberischen Insekten das Fangbein im Lauf der Stammesgeschichte aufgrund ähnlicher Ansprüche an Stabilität und Funktionalität in gleicher Weise mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Evolutionsbiologen sprechen dabei von Konvergenz. (fwi)

Weiterführende Links:
Bild von Ochthera
Bild von Ochthera mantis
Wikipedia-Seite zur Gattung Ochthera
Interface des AnimalBase-Projektes

Ochthera mantis aus der Originalbeschreibung von De Geer 1776 in der AnimalBase

Digitalisat von De Geer 1776, vol. 6 bei Gallica