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Sonntag, 12. Dezember 2010

Der doppelte Biss der Muräne

von Dipl.-Biol. Frank Wieland


Neben dem eigentlichen Kiefer verfügen Muränen zusätzlich über einen im Rachen gelegenen Pharyngeal- oder Schlundkiefer. Illustration: Zina Deretsky & Ryan Wilson
Riesenmuräne (Gymnothorax javanicus), Foto: Albert Kok

Schlangenartige Muränen
Viele Menschen empfinden Muränen gegenüber eine gewisse Abscheu. Das Fehlen von Flossen und der lang gestreckte, schlanke Körper erinnern an den Körper einer Schlange, was für ein Tier aus Sicht der Menschen selten von Vorteil ist. Muränen sind jedoch mitnichten zu den Schlangen zu zählen. Sie zählen zu den aalartigen Knochenfischen (Anguiliformes), die neben einigen anderen Gruppen auch unseren Aal umfassen.

Reinliche Untermieter
Muränen haben die Flossen in Anpassung an ihren Lebensraum reduziert. Die Tiere halten sich in engen Spalten und Löchern auf, in Höhlen und Korallenriffen. Ihre Behausungen teilen sie nicht selten mit Putzerfischen oder Putzergarnelen. Diese kleinen Dienstleister reinigen die Zähne der Muräne und vertilgen Futterreste. So bleibt die Wohnung sauber, die Muräne gesund, und die Putzer gelangen ohne großen Aufwand an regelmäßige Zusatznahrung. Im Gegenzug werden sie von der Muräne nicht behelligt. Und wenn man eine Muräne als Wachhund hat, ist man vor Fressfeinden mehr als sicher. Das gemeinschaftliche Beisammensein funktioniert so gut, dass die Putzparteien zum Teil dauerhaft zur Untermiete bei der Muräne leben.

Nächtliche Jäger
Die schlanken Räuber kommen vor allem nachts hervor, um auf Jagd zu gehen. Unter den Muränen gibt es verschiedene Gruppen, die unterschiedliche Nahrungstypen bevorzugen. Muränen mit spitzen Zähnen fressen beispielsweise eher glatte und weichere Fische und Kopffüßer, wohingegen solche mit stumpfen Zähnen bevorzugt harte Krebstiere knacken. Eine vollständige Spezialisierung auf einen Beutetyp gibt es jedoch nicht.

Viel mehr gibt es über das Fressverhalten von Muränen nicht zu berichten, könnte man meinen. Doch weit gefehlt! Wissenschaftler beschrieben im Jahr 2007 ihre Beobachtungen zum Fressverhalten der Atlantischen Netzmuräne Muraena retifera. Diese Art ist im Westatlantik verbreitet. Während viele andere Fische ihre Beute packen und dann durch Saugschnappen herunterschlucken, also durch das rasche Einsaugen von Wasser mitsamt dem Beutetier, hat diese Muräne etwas vollkommen Andersartiges entwickelt.

Doppelt hält besser
Wie die Forscher feststellten, besitzt die etwa 60 cm lange Muraena retifera nicht nur die zahnbewehrten Hauptkiefer. Ein zusätzliches Paar kleinerer Kiefer liegt tief im Schlund verborgen und befindet sich im Ruhezustand weit hinter dem Schädel.

Zwar gibt es Schlundkiefer auch bei anderen Knochenfischen, doch Muraena retifera weist im Gegensatz zu allen anderen Fischen eine große Besonderheit auf. Bei ihr sind an den zusätzlichen Kiefern lange Muskeln so angebracht, dass sie viel umfangreicher als bei anderen Fischen bewegt werden und sogar zubeißen können. Hat die Muräne ein Beutetier mit den Zähnen der Hauptkiefer ergriffen, werden tief aus dem Schlund die zweiten Kiefer mithilfe der Muskeln herausgestreckt und ergreifen ihrerseits das Beutetier. Darauf löst die Muräne den Griff der Hauptkiefer und die Schlundkiefer werden zurückgezogen. Sie kann daher die Beute immer weiter in das Maul ziehen, ohne sie je vollständig loslassen zu müssen.

Den Vorgang des Saugschnappens beherrschen Muränen hingegen nicht. Die Wissenschaftler stellten fest, dass bestimmte Kopfregionen der Muränen reduziert sind, die bei anderen Fischen eine wichtige Funktion beim Saugschnappen innehaben. Da diese Art des Beutefangs also bei ihnen nicht funktioniert, wurde im Lauf der Evolution bei den Muränen der neue Mechanismus entwickelt. Gerade im riesigen Lebensraum Ozean ist es für Raubtiere enorm wichtig, dass die Beute nicht mehr entkommen kann, sobald sie ergriffen wird. Während der Verlust des Saugschnappens als mögliche Anpassung an den engen Lebensraum zu verstehen ist, kann der neue Mechanismus als Ersatz für das Saugschnappen interpretiert werden.

Zurück zu den Schlangen
Am Ende führt diese Entdeckung doch wieder zu den Schlangen zurück. Die aalartigen Fische haben im Zusammenspiel mit dem Leben in engen Spalten ihre Flossen verloren. Schlangen haben aus denselben Gründen an Land ihre Beine verloren. Diese Entstehung des schlanken, schlangenartigen Körpers ist in der Evolution vollkommen unabhängig voneinander entstanden (die Biologen sprechen von konvergenter Entstehung). Spannend ist, dass beide Gruppen ebenfalls unabhängig voneinander einen Sperrklinkenmechanismus der Kiefer entwickelt haben, um die gefangene Beute in den Schlund zu ziehen. Muränen lassen ihren Fang niemals ganz los, da Haupt- und Schlundkiefer abwechselnd die Beute festhalten. Bei Schlangen hingegen funktioniert der Mechanismus, indem sie die linken und rechten Kieferhälften abwechselnd zum Festhalten und zurückziehen der Beute in den Schlund nutzen können. Beide Mechanismen führen dazu, dass ein einmal ergriffenes Beutetier keine Chance mehr hat, zu entkommen.

(Gefunden in: Mehta, R.S. & Wainwright, P.C. 2007. Raptorial jaws in the throat help moray eels swallow large prey. - Nature 449: 79-82.)


Weiterführende Links

nature.com: Videos der Muräne beim Fressen (Zusatzmaterial zum Originalartikel)
University of California: Youtube-Video
Wikipedia:Muränen
Fishbase-Datenbank: Muraena retifera