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Mittwoch, 26. Januar 2011

Geheimnisvoller Geist der Wälder

von Dipl.-Biol. Frank Wieland


Detailaufnahme des Kopfes von Hoplodactylus delcourti. - Copyright: Aaron Bauer. Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung des Bildautors leicht verändert.
Alain Delcourt, Mitarbeiter des Naturkundemuseums in Marseille, mit dem einzig bekannten Exemplar des nach ihm benannten Hoplodactylus delcourti auf dem Arm. Delcourt hatte die Aufmerksamkeit der Gecko-Forscher auf das Präparat gelenkt. - Copyright: Aaron Bauer. Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung des Bildautors leicht verändert.
Das einzige bekannte Exemplar des neuseeländischen Riesengeckos Hoplodactylus delcourti. Holotyp aus dem Naturkundemuseum in Marseille. - Copyright: Aaron Bauer. Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung des Bildautors leicht verändert.
Hoplodactylus duvaucelii, der nächstgrößte Artgenosse von Hoplodactylus delcourti. Die Gattung Hoplodactylus ist ausschließlich in Neuseeland verbreitet. Bild: Jennifer Moore.
Neuseeländischer Kauri-Baum (Agathis australis). Nach Augenzeugenberichten wurde Hoplodactylus delcourti unter anderem unter der losen Rinde dieser Riesen aufgescheucht. Bild: Miguel A. Monjas.

Nachricht aus dem Reich der verstorbenen Ahnen
Als die Vorfahren der Maori gegen Ende des 13. Jahrhunderts von Polynesien aus Neuseeland besiedelten, war die grüne Doppelinsel im Südpazifik noch zu etwa 80 Prozent von dichten Wäldern bedeckt.

Die Tiere und Pflanzen dieser majestätischen Wälder waren damals und sind bis heute ein wichtiger Bestandteil des Maori-Glaubens. Manche Legenden und Geschichten ranken sich um Tiere, denen die Maori übernatürliche Kräfte zusprechen. Eines dieser Wesen ist die große Echse, die Kawekaweau oder Kaweau genannt wird [1,5, 14, 15, 16]. Wird Kawekaweau oder auch nur Spuren seiner Anwesenheit in der Nähe einer Maoribehausung gesichtet, so die Legende, kommt dies für den Beobachter einem Todesurteil gleich. Dem Glauben nach wurde das Wesen von den Geistern der verstorbenen Vorfahren des Beobachters geschickt, um ihn aufzufordern, seinen Ahnen in das Reich der Toten zu folgen [6,7].

Die Geckos Neuseelands
In der heutigen Fauna Neuseelands findet sich keine solch riesenhafte Echse. Die Inseln beherbergen mehrere Arten von Geckos sowie verschiedene Skinke[10]. Die Geckos sind nach herkömmlicher Auffassung mit nur zwei Gattungen vertreten: Naultinus und Hoplodactylus. Neue Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Hoplodactylus-Arten aufgrund genetischer Unterschiede insgesamt in sechs Gattungen eingeteilt werden müssen [17]. Alle neuseeländischen Geckos kommen ausschließlich dort vor [10, 12]. Biologen sprechen dabei von Endemismus.
Keiner der bekannten Geckos und Skinke Neuseelands kommt als Vorbild für den Kawekaweau der Maori-Legenden in Frage. Die größte bekannte Art ist Hoplodactylus duvaucelii, der von der Schnauze bis zur Schwanzspitze etwa 32 cm erreicht [10, 12]. Das ist nicht gerade ein beeindruckendes Maß für eine todbringende Riesenechse...

Wissenschaftliche Sensation
Im Jahre 1986 wurde eine kleine zoologische Sensation veröffentlicht [1]. Im Naturkundemuseum in Marseille wurde der präparierte Balg einer großen Echse gefunden. Offenbar war das Tier in der Vergangenheit lange Jahre in der Ausstellung des Museums gezeigt worden, allerdings fiel erst in den 80er Jahren einem Mitarbeiter auf, dass es sich bei dem Tier um etwas Einzigartiges handelte. Das Museum trat mit außenstehenden Wissenschaftlern in Kontakt, und eine Sensation kam ans Licht: Das Präparat ist der einzige Nachweis des größten bekannten Geckos der Welt [1, 3, 4]!

Rätselhafte Herkunft
Kein Schildchen und kein Katalogeintrag gibt Auskunft über Herkunft, Funddatum oder auch nur den Sammler des Exemplars. Das Tier ist um mehr als die Hälfte größer als der größte bis dahin bekannte Gecko. Der bisherige Rekordhalter war der neukaledonische Kronengecko Rhacodactylus leachianus mit einer Gesamtlänge von (in seltenen Fällen) bis zu 40 cm [12]. Das in Marseille entdeckte Exemplar misst dagegen von der Schnauze bis zur Schwanzspitze stolze 62,2 cm bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 37 cm [1]! Das Museums-Exemplar ist etwa so dick wie das Handgelenk eines erwachsenen Mannes. Die genauere Untersuchung des Geckos ergab, dass er der Gattung Hoplodactylus angehört. Da diese Gattung endemisch in Neuseeland ist [1, 12], also nirgends sonst auf der Welt vorkommt, konnten die Wissenschaftler Neuseeland als Herkunftsort des Geckos identifizieren. Die gigantische Art bekam den Namen Hoplodactlyus delcourti zu Ehren von Alain Delcourt. Der Mitarbeiter des Museums in Marseille hatte den Blick der Geckoforscher auf das Präparat gelenkt.

Ist Hoplodactylus delcourti der Kawekaweau der Maori-Legenden?

Schnell wurde den Wissenschaftlern bewusst, dass Hoplodactylus delcourti möglicherweise den Ursprung der Maori-Legende um den Kawekaweau bildet [1, 2, 3]. Ein Jahrzehnt nach der Beschreibung der Art erschien der Artikel eines Neuseeländers, der zu Beginn der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts das Land auf der Suche nach dem Ursprung der Legende des Kawekaweau durchstreift hat [13]. Über mehrere Jahre hinweg sprach er mit alten Maori. Er setzte sich auch mit alten Farmern zusammen, die in den Gegenden der Nordinsel, in denen der Kawekaweau laut Legende vorkommen sollte, ihre Farmen betrieben. Dabei kamen interessante Augenzeugenberichte ans Licht.

Augenzeugen
Ein alter Maori gab an, dass er in früheren Jahren zusammen mit Verwandten in einem Primärwaldstück einen Baum fällen wollte. Es habe sich dabei um einen großen Kauri (Agathis australis) gehandelt. Diese Nadelbäume erreichen Höhen von bis zu 60 Metern bei Stammdurchmessern von 5-7 Metern [10]. Kauri entledigen sich wie viele andere Bäume immer wieder ihrer Borke, wobei lästiger Aufwuchs wie Flechten und pflanzliche Schmarotzer abgestoßen werden. Die Borke kann sich bei diesen Bäumen in mehrere Quadratmeter großen Platten lösen. Damit eine solche Borkenplatte beim Fällen des Baumes die Holzfäller nicht verletzt, schickte der Maori-Trupp einen jungen Mann hinauf. Dieser sollte die Borke vor dem Fällen des Baumes lösen. Beim Entfernen eines großen Borkenstücks kam darunter eine riesenhafte Echse zum Vorschein, die etwa 2 Fuß (60 cm) gemessen haben soll. Aufgeschreckt durch die Störung „segelte“ die Echse mit ausgebreiteten Beinen zu Boden und verschwand im dichten Unterholz [13].

Ein alter Landwirt gab an, er habe als Junge mit seinem Vater zusammen einen hohlen Rimu-Baum (Podocarpus cuppressimum) auf seinem Land gefällt. Der Baum sei beim Aufprall zerbrochen. Daraufhin kam eine rund 60 cm große Echse langsam daraus hervorgekrochen und machte sich ins Unterholz davon [13].

Auch in der historischen Literatur finden sich Hinweise auf eine rund 60 cm große Echse aus Neuseeland. Walter Lawry Buller, ein neuseeländischer Anwalt, Naturforscher und Ornithologe, schrieb 1870 einen kurzen Artikel über die Echsen Neuseelands. Darin berichtete er über eine „hübsche gestreifte Echse“, die wissenschaftlich noch unbeschrieben sei [8]. Sie sei einst in den Wäldern Aucklands weit verbreitet gewesen und werde immer noch gelegentlich angetroffen. Ein Bekannter habe kurz zuvor ein Pärchen lebender Kawekaweau bekommen. Bevor allerdings die Tiere wissenschaftlich untersucht werden konnten, sei eines der Tiere von der Katze des Echsenbesitzers gefressen worden. Das zweite Tier sei ausgebrochen und entkommen, sodass eine wissenschaftliche Beschreibung nicht möglich gewesen sei [8].

In einem Bericht über Maori-Folklore wurde von einer zwei Fuß langen Echse berichtet, die ein Maori gesehen und getötet haben soll [5]. Zwar wurde der Bericht nicht mit dem Kawekaweau in Verbindung gebracht, doch die Größenangabe ist ungewöhnlich.

Bereits lange zuvor gab Kapitän James Cook im ersten Band seiner dreiteiligen Reiseberichte einen möglichen Hinweis auf den Kawekaweau. Zwei junge Maori wurden an Bord genommen und sollten Cook auf einem Teil der Reise begleiten. Einer von ihnen beschrieb eine riesenhafte Echse [9]. Allerdings sei sie etwa 8 Fuß (240 cm) lang und so dick wie ein Mensch. Außerdem lebe sie in Löchern im Boden. Ob diese Angaben der reinen Fantasie entsprangen oder möglicherweise stark übertrieben dargestellte Hinweise auf den Riesengecko geben, ist nicht zu klären.

Hinweise auf das mögliche Vorhandensein von Hoplodactylus delcourti in Neuseeland reichen also vom 18. bis hinein ins 20. Jahrhundert. Die Hoffnung der Wissenschaftler ist daher groß, dass die Art noch heute versteckt in den wenigen verbliebenen Primärwaldgebieten der Nordinsel vorkommen könnte [12]. Trotz wiederholter Suche [3] gibt es allerdings keine verlässlichen Nachweise wie frische Knochen, Eier, Kot oder andere Spuren. Und ob ein 60 cm großer Gecko im heutigen Neuseeland, das in weiten Bereichen täglich von Outdoor-Fans und Touristen durchstreift wird, unentdeckt geblieben sein kann, ist fraglich.

Lebensweise
Über die Lebensweise von Hoplodactylus delcourti lassen sich nur Vermutungen aus dem Wissen über seine nächsten Verwandten ableiten. Alle heutigen neuseeländischen Geckos legen in Anpassung an das kühle Klima keine Eier mehr, sondern bringen lebende Junge zur Welt [12]. Eine solche Vermehrungsweise kann auch für den Riesengecko angenommen werden. Wie seine Verwandten mag er sich von Insekten ernährt haben, beispielsweise den neuseeländischen Riesenheuschrecken (Weta). Allerdings sind auch größere Tiere wie kleinere Vogelarten oder die neuseeländischen Fledermäuse als Beute denkbar, die interessanterweise anstatt zu fliegen überwiegend am Boden herumlaufen. Die übrigen neuseeländischen Geckos verschmähen auch Beeren und Nektar nicht [10], sodass solche Süßigkeiten vielleicht auch für Hoplodactylus delcourti eine willkommene Abwechslung im Speiseplan gewesen sein könnten.

Vielleicht war aber auch alles ganz anders. Der größte Skink der Welt beispielsweise ist der bis 72 cm messende Riese Corucia zebrata. Er kommt ausschließlich auf den Solomonen-Inseln vor. Dort hat er sich aus kleineren, bodenbewohnenden Vorfahren zum Giganten entwickelt. Damit einhergehend hat er seinen bevorzugten Lebensraum in die Baumkronen verlegt. Im Gegensatz zu seinen fleischfressenden Artgenossen ernährt er sich dort ausschließlich von Blattwerk. Er ist vollständig vom Räuber zum Vegetarier geworden! Auch für Hoplodactylus delcourti werden Baumkronen als Lebensraum angenommen [3], wenngleich dies nicht gesichert ist. Ein Vegetarier-Szenario könnte auch für den Riesengecko skizziert werden, das ist jedoch ein reines Gedankenexperiment und eher unwahrscheinlich. Bisher wurde nämlich kein einziger vollkommen oder auch nur überwiegend vegetarischer Gecko beschrieben.

Auch das Aussehen lebender Hoplodactylus delcourti ist nicht vollständig geklärt. Die Grundfarbe war den Hinweisen nach ein Braungrau mit rötlich-braunen Längsstreifen auf dem Rücken [1, 8]. Einen guten Eindruck von der Vorstellung, wie das Tier ausgesehen haben mag, vermittelt die Rekonstruktion des australischen Wildlife-Künstlers Peter Schouten [11].

All diese Fragen nach Biologie, Verhalten, Ernährung und Aussehen lassen sich letztendlich nur klären, falls lebende Riesengeckos in Neuseeland wiederentdeckt und beobachtet würden. Ob dies jemals geschieht, ist fraglich. Doch selbst wenn Hoplodactylus delcourti ausgestorben wäre, ist seine Geschichte faszinierend. Nicht zuletzt macht sie deutlich, dass in den Naturhistorischen Museen der Welt vergessene Schätze lagern, die nur darauf warten, (wieder-) entdeckt zu werden.

Literatur:
1 - Bauer, A.M. & Russell, A.P. 1986. Hoplodactylus delcourti n. sp. (Reptilia: Gekkonidae), the largest known gecko. - New Zealand Journal of Zoology 13: 141-148.

2 - Bauer, A.M. & Russell, A.P. 1987. Hoplodactylus delcourti (Reptilia: Gekkonidae) and the Kawekaweau of Maori folklore. - Journal of Ethnobiology 7(1): 83-91.

3 - Bauer, A.M. & Russell, A.P. 1990. Recent advances in the search for the living giant gecko of New Zealand. - Cryptozoology 9: 66-73.

4 - Bauer, A.M. & Russell, A.P. 1991. The maximum size of giant geckos: A cautionary tale. -  Bulletin of the Chicago Herpetological Society 26(2): 25-26.

5 - Beattie, H. 1920. Nature-lore of the southern Maori. - Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand 52: 53-77. [S. 55]

6 - Best, E. 1905. Maori eschatology: The Whare Potae (House of Mourning) and its lore; being a description of many customs, beliefs, superstitions, rites, &c., pertaining to death and burial among the Maori People, as also some account of native belief in a spiritual world. - Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand 38: 148-239. [S. 236]

7 - Best, E. 1908. Maori forest lore: Being some account of native forest lore and woodcraft, as also of many myths, rites, customs, and superstitions connected with the flora and fauna of the Tuhoe or Ure-wera District. Part II. - Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand 41: 231-285. [S. 236]

8 - Buller, W. 1870. A list of the lizards inhabiting New Zealand, with descriptions. - Transactions of the New Zealand Institute 3: 4-11 [S. 4]

9 - Cook, J. 1784. A voyage to the Pacific ocean undertaken by the command of His Majesty, for making discoveries in the northern hemisphere. Vol. I. - London: Nicol & Cadell. 421 S. [S. 142; 153 Fußnote]

10 - Dawson, J. & Lucas, R. 2004. Nature guide to the New Zealand forest. - Auckland: Godwit. 312 S.

11 - Flannery, T. & Schouten, P. 2001. A gap in nature. - New York: Atlantic Monthly Press. 184 S. [S. 50-51]

12 - Henkel, F.W. & Schmidt, W. 2003. Praxisratgeber Geckos. Alle Arten im Überblick. - Frankfurt a. M.: Edition Chimaira. 159 S. [S. 107]

13 - Macredie, G. 1996 Stories of the giant Kaweau. - Dactylus 3 (1): 13-15.

14  - Mair, W.G. 1872. Notes on the Rurima rocks. - Transactions of the New Zealand Institute 5: 151-153. [S. 152]

15 - Russell, A.P. & Bauer, A.M. 1991. The giant gecko Hoplodactylus delcourti and its relations to gigantism and insular endemism in the Gekkonidae. - Bulletin of the Chicago Herpetological Society 26(2): 26-30.

16 - Towns, D.R. & Daugherty, C.H. 1994. Patterns of range contractions and extinctions in the New Zealand herpetofauna following human colonisation. - New Zealand Journal of Zoology 21: 325-339.

17 - Nielsen, S.V., Bauer, A.M., Jackman, T.R., Hitchmough, R.A. & Daugherty, C.H. (im Druck). New Zealand geckos (Diplodactylidae): Cryptic diversity in a post-Gondwanan lineage with trans-Tasman affinities. - Molecular Phylogenetics & Evolution. doi: 10.1016/j.ympev.2010.12.007

Weiterführende Links:
Kawekaweau (Wikipedia)
Hoplodactylus delcourti
(Wikipedia)
Gattung
Hoplodactylus (Wikipedia)
Neuseeland
(Wikipedia)
Walter Lawry Buller
(Wikipedia)
Musée d’Histoire Naturelle Marseille

Peter Schouten