Die Nachzucht von Melanophryniscus stelzneri (Schwarzkrötchen)

Verfasser: Reto Siegenthaler



Ein TERRA TYPICA - Report.



Einleitung

Im Jahr 1996 gelang es dem Autor dieses Berichts erstmals, Melanophryniscus stelzneri - nach damals knapp zweijähriger Haltung einer kleinen Gruppe - zur Nachzucht zu bringen, was wohl nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa auch heute noch als Seltenheit angesehen werden darf (über gelungene Nachzuchten lagen dem Autor zur Zeit der gelungenen Nachzucht seiner M. stelzneri nur gesicherte Informationen aus den USA vor). Melanophryniscus stelzneri, früher als zu den Stummelfüssen (Atelopus) gehörend angesehen (Atelopus stelzneri), ist ein zur Terrarienhaltung äusserst empfehlenswerter Froschlurch, sofern man ihm Bedingungen mit nicht allzu hohen Temperaturen bieten kann. Währenddem in den 70er und 80er Jahren dieses hübsche und interessante Krötchen noch recht häufig in Terrarien gehalten wurde, ist M. stelzneri in den letzten Jahren immer seltener in den Terrarien der Liebhaber tropischer Froschlurche anzutreffen. Ein Grund dafür ist wohl der fehlende Erfolg bei der Nachzucht des Schwarzkrötchens. Es bleibt zu hoffen, dass die Haltung von M. stelzneri wieder vermehrt auf Interesse stossen wird und zukünftig wieder mehr Froschenthusiasten auch versuchen werden, dieses äusserst attraktive Krötchen zur Nachzucht zu bringen.



Beschreibung der gelungenen Nachzucht

Vorgeschichte
Knappe zwei Jahre vor dem gelungenen Nachzuchtereignis konnte ich vier Stück M. stelzneri erwerben. Die kleinen (nicht ganz 2.5 cm), mattschwarzen Krötchen mit der gelben Punktezeichnung, den roten Finger- und Zehenspitzen und der unkenartigen schwarz-roten Unterseite bezogen ein relativ kleines, flaches Terrarium mit einem kleinen Wasserteil in einer Ecke. Das Terrarium war mit einer Guzmania-Bromelie und einigen Rankgewächsen bepflanzt. Der Bodengrund bestand aus eher trockener, kompakt gepresster Zimmerpflanzenerde auf der Korkrindenstücke, welke Blätter, Kokosnusshälften und Filmdöschen als Versteckmöglichkeiten angeboten wurden.
Die erste Ueberraschung ergab sich bereits beim Einsetzen der Tiere in ihr neues Refugium: Obschon die Krötchen, welche bereits damals gut genährt aussahen, einen sehr gedrungenen, fast plumpen (eben krötenhaften) Körperbau haben, begannen sie sofort äusserst geschickt in den Pflanzen herumzuklettern. Ein Krötchen kam schliesslich, nach erfolgter Erforschungstour des neuen Lebensraumes, auf den Terrarienboden zurück und bezog Quartier unter einem Rindenstück; die anderen drei hatten nach der eingehenden Besichtigung je eine Blattachsel der Bromelie als ihr zukünftiger Tagesaufenthaltsort gewählt.
Als Futter erhielten die Krötchen kleine und grosse vitaminisierte Drosophila, frisch geschlüpfte Heimchen und Grillen, kleine Mehlmottenmaden, Springschwänze, etc. Bei der Fütterung muss allerdings darauf geachtet werden, dass die Futtertiere sich nicht zu schnell bewegen können und sich vom "Speisetisch" der M. stelzneri zu leicht entfernen (M. stelzneri sind vergleichbar mit Atelopen sehr bedächtige Esser; bei ihnen kommt nie Hektik auf). Die sicherste Methode, die Futtertiere am schnellen verkriechen zu hindern ist, wenn die Futtertiere (bspw. Drosophila) vorgängig in einem kleinen Behälter (zusammen mit Vitaminpulver) so stark herumgeschüttelt werden, dass sie eine Zeit lang nur noch zappeln und torkeln, sich jedoch nicht mehr richtig fortbewegen können (die zum gleichen Zweck häufig angewendete Methode der Unterkühlung der Futtertiere (kurzes Einfrieren) könnte sich bei der Verdauung schädlich für die Froschlurche auswirken, weshalb hier Vorsicht angebracht sein dürfte).
Die M. stelzneri wurden die meiste Zeit über ziemlich trocken gehalten. Maximal zwei Mal pro Monat wurde kurz gesprüht. Da das ungeheizte Terrarium direkt am Boden plaziert wurde, wo erwiesenermassen die Temperaturen immer tiefer als die eigentliche Raumtemperatur sind, konnten den Tieren gemäss ihrem Herkunftsgebiet v.a. im Herbst und Winter rel. tiefe Temperaturen von 17 Grad C - 18 Grad C angeboten werden. Im Sommer erreichten die Temperaturen maximal und ausnahmsweise 26 Grad C. Über eine kurze Zeit wurde intensiv gesprüht und der Bodengrund im Terrarium feucht gehalten, damit die Krötchen möglicherweise in Paarungsstimmung kommen. Sie wurden zwar noch aktiver als sonst (beschränkten ihre Aktivitätszeit nicht nur auf den frühen Abend und die Dämmerungsphase) und waren ständig auf Futtersuche und Klettertour; von Paarungsstimmung konnte aber keine Rede sein. Obschon gemäss Literaturangaben bei M. stelzneri sowohl Männchen wie Weibchen zum Quaken befähigt sein sollen, blieben meine Tiere weiterhin stumm. Da alle meine Tiere ungefähr dieselbe Grösse hatten und die meisten veröffentlichten Beschreibungen von M. stelzneri davon sprachen, dass die Weibchen ziemlich deutlich grösser seien als die Männchen, musste befürchtet werden, dass es sich bei diesen Krötchen entweder nur um Männchen oder nur um Weibchen handelte.
Im Frühjahr 1996 konnte ich meine Gruppe M. stelzneri um zwei weitere Krötchen erweitern (allerdings waren auch die zwei Neuen gleich gross wie die vier anderen). Die Erfahrung zeigt allerdings häufig, dass Angaben über erkennbare Geschlechtsunterschiede bei Froschlurchen hie und da mit Vorsicht zu geniessen sind. Ich gab also die Hoffnung noch nicht auf, meine M. stelzneri zur Nachzucht zu bringen.

Die geglückte Nachzucht
Durch Kontakte in die USA via Internet (US-Frognet) mit Haltern von M. stelzneri erhielt ich schliesslich den entscheidenden Hinweis, wie die Krötchen in Paarungsstimmung zu bringen seien. Alex Sens, der M.stelzneri bereits zwei Mal zum Ablaichen bewegen konnte, setzte dabei jeweils seine Tiere während kurzer Zeit in ein komplett anders eingerichtetes "Terrarium" um und hatte damit Erfolg. Sein "Paarungszeit-Behälter" kann man sich als ein Aquarium mit niedrigem Wasserstand und einigen Inseln vorstellen.
So setzte ich denn im Juni 1996 meine gut genährten Krötchen in ein Aquaterrarium mit grossem Wasserteil mit Wasserpflanzen und einigen porösen Steinen, die unregelmässige Inseln im Wasserteil bildeten. Der Wasserstand betrug knappe 3 cm, die Wassertemperatur 22-24 C. Das Wasser wurde mittels Pumpe über einen kleinen Wasserfall umgewälzt. Um die Luftfeuchte im Behälter auf nahezu 100% zu bringen, wurden sämtliche Be- und Entlüftungsöffnungen des Behälters bis auf eine kleine vergitterte Öffnung abgedichtet.
Die so völlig ohne Vorwarnung in ihre neue Umgebung eingesetzten Tiere schienen zu Beginn sichtlich Mühe zu haben, sich an die total andersartigen Bedingungen zu gewöhnen (alle begaben sich sofort an die höchsten und trockensten Stellen der aus dem Wasser ragenden Stein-Inselchen). Jeglicher Wasserkontakt wurde in den ersten Tagen vermieden. Erst nach ca. 4 Tagen konnte beobachtet werden, wie die ersten Tiere sich am Wasserrand oder im Wasser aufhielten, dies in erster Linie, um den auf dem Wasser treibenden Futtertieren nachzustellen. Innerhalb einer Woche schienen alle ihre anfängliche Abneigung gegen das Wasser verloren zu haben. 10 Tage nach dem Einsetzen der Krötchen wurde ich beim nach Hause kommen von einem Krötchen lautstark begrüsst. Der wohlklingende "Gesang" war schon von weither zu vernehmen gewesen, nur dachte ich damals eher an einen neu zugezogenen tropischen, stimmbegabten Vogel in der Nachbarschaft. Beim Quakvorgang ist die grosse, tiefschwarze Schallblase gut zu sehen. In den nächsten Tagen versuchten zwei der Stelzneri, sich im Gesang gegenseitig zu übertrumpfen. Diese beiden begannen nun auch alles zu klammern, was sich bewegte. Eines späten Abends - seit der Einsetzung ins Aquaterraruim waren über 14 Tage vergangen - konnte dann ein Paar im Amplexus halb unter Wasser beobachtet werden. Am nächsten Morgen war die Stelle, an der das Paar beobachtet worden war, mit frischem Laich übersät. Damit war auch der Beweis erbracht, dass M. stelzneri Weibchen keineswegs grösser sein müssen als Männchen!
Die Eier, welche einzeln oder in kleinen Klumpen an den Wasserpflanzen und Steinen unter Wasser angeheftet waren, entwickelten sich extrem schnell: Bereits nach 24 Stunden schlüpften die ersten Kaulquappen, nach 48 Stunden bereits die letzten. Der grösste Teil der Quappen wurde im Behälter gelassen. Gefüttert wurde mit Staubfischfutter, Brennesselpulver, aufgetauten Cyklops etc., später wurden auch schwarze Mückenlarven angeboten. Die Quappen wachsen so schnell, dass der Eindruck entstehen kann, man könne ihnen dabei zusehen! Nach 13 Tagen stieg bereits das erste winzige, knapp 5 mm grosse Mini-Krötchen an Land. Zu diesem Zeitpunkt waren die Elterntiere bereits wieder in ihr normales Terrarium umgesetzt worden. Die Ausfälle bei den Jungtieren waren beachtlich. Von den ca. 70 geschlüpften Kaulquappen konnten etwa 25 die Metamorphose erfolgreich beenden. Nur 8 Tiere überstanden den ersten Landmonat. Nach einem guten halben Jahr lebten nur noch 4 der Nachzuchttiere. Diese hatten in dieser Zeitspanne schon eine beachtliche Grösse erreicht und scheinen in guter Verfassung zu sein. Ein heikler Punkt bei der Aufzucht der Baby-Krötchen ist die Fütterung. Sofort nach der Metamorphose brauchen die winzigen Krötchen Miniaturfutter in riesigen Mengen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Baby-Krötchen eher noch langsamer sind als ihre bedächtigen Eltern. Ich fütterte hauptsächlich mit selbstgezüchteten Getreideläusen und Springschwänzen. Nach ca. drei Monaten wurden dann auch kleine stummelflüglige Fruchtfliegen überwältigt, sofern diese sich nicht zu schnell bewegten.


Im Winter 96/97 wurde die M. stelzneri-Gruppe wiederum eher kühl gehalten (Winterruhephase). Leider verstarben in der Überwinterungszeit nicht nur 2 der 4 verbliebenen Nachzuchttiere, sondern auch die beiden männlichen Tiere, so dass ich im folgenden Jahr keinen weiteren Nachzuchtversuch mehr machen konnte (am meisten vermisste ich den wunderschönen Gesang der Männchen, welcher leider nur über eine sehr kurze Zeitperiode ein paar Tage zu hören ist und vom Klang her unter Froschlurchen seinesgleichen sucht). Da damals keine männlichen Tiere aufzutreiben waren, konnten auch in den Folgejahren keine Zuchtversuche mehr gemacht werden. Ich hoffe, dass mit diesem Bericht - zumal seit kurzem wieder M. stelzneri im Handel aufgetaucht sind - der eine oder andere Froschlurchliebhaber dazu ermutigt werden kann, das Nachzüchten von M. stelzneri selbst zu versuchen und mithelfen, Lösungsbeiträge zu den ungelösten Problemen beizusteuern, welche z.B. bei der Aufzucht der Jungkrötchen auftreten.

Copyright 1998 by Reto Siegenthaler, Bern (Schweiz)